Kritiken - Vorstellungen
Die Welt zu Gast an der Küste
Zwei Uraufführungen zum diesjährigen 15. Jubiläum von TanZZeit
(...) Eine junge Frau (Margaret Howard) betritt die Bühne. Im Viereck aus Licht bleibt sie stehen und hält den Blickkontakt mit dem Saal. Das letzte Getuschel erstirbt. Das Deckenlicht wird gelöscht. Die Verbindung steht. Ihr Solo beginnt mit einem flüchtigen Blick auf die Hände. Das ist der Auftakt für das Heben der Arme, die Ausdehnung der Bewegungen des Körpers. Selbst eine Welle, die von den Hüften aufwärts in ein vogelartiges Picken mit dem Kopf ausläuft, gehört dazu. Auch das Heben des rechten Armes des kerzengeraden Leibes und das scheinbare Eindrehen einer Glühbirne mit der
Hand. Die Gesellschaft (Ayako Nomura, Khrystyna Polyanska, Simon Kranz) vervollständigt sich mit Aufgängen von verschiedenen Seiten her.
Soli, Pas de Deux und Ensembletanz verdichtet Raffaella Galdi zu einer choreografischen Bogenform. Im Rhythmus zu Alexander Siebers Klangkompositionen aus Stille, Stimme, Geräuschen und dem Ohrwurm „Sunday Morning“ von Velvet Underground & Nico bleibt genug Raum für Doppelbödiges und Momente, in denen die Bewegung zu einer Augenblicksaufnahme einfriert, ja zu einer Pose, einer Plastik erstarrt. Raffaella Galdi überlässt es dem Publikum, ob es eine kreisförmige Reise oder einen bloßen Rückblick aus Sicht einer Tänzerin vor Augen hatte. Ihr geht es um die Entfaltung des Individuums im Verhältnis zu den Spielräumen von Gemeinschaften. Aus einfachen Gesten baut sie in ihrer Schlichtheit schöne Szenen zusammen, ohne das Klassische Ballett völlig für den individuellen Ausdruck abzulehnen (...).
Uwe Roßner
TANZNET.DE - Greifswald, 30.05.2010